Der Kalligraf Joachim Propfe zeigt hier auf der Insigths-X 2018 in Nürnberg seine Werke
Der Kalligraf Joachim Propfe zeigt hier auf der Insigths-X 2018 in Nürnberg seine Werke
Foto: Jörg Stroisch

“Für Kalligrafie braucht man vor allem Zeit”

Der Kalligraf Joachim Propfe über seine Liebe zur Schrift, das übergroße Angebot an Kalligrafiestiften – und warum diese Schönschrift echte Kunst ist. Im Interview.

MiaSkribo: Herr Propfe, was lieben Sie an der Kalligrafie?

Joachim Propfe: Ich liebe die Ruhe. Kalligrafie hat etwas Meditatives, ist eine entspannte Arbeit. Das ist mit der normalen Handschrift gar nicht zu vergleichen. Man braucht mindestens die zehnfache Zeit für eine Kalligrafie.

MiaSkribo: Vor ein paar Jahren hat noch niemand von Kalligrafie gesprochen, mittlerweile ist es ein wirkliches Trendthema. Wie empfinden Sie das für Ihre Arbeit?

Mini-Workshop Kalligrafie mit Joachim Propfe

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Propfe: Wie so vieles kam auch dieser Trend vermutlich aus den USA und wurde von der hiesigen Schreibgeräteindustrie aufgegriffen und vielleicht auch verstärkt. Bemerkbar macht sich das im beinahe schon übergroßen Angebot an unterschiedlichen Kalligrafiestiften. Als ich vor 20 Jahren mit der Kalligrafie angefangen habe, gab es zwei unterschiedliche Federn und zwei Filzstifte, deren Farbe allerdings sehr stark das Papier eingenässt hat – mehr gab es nicht, damit musste ich auskommen. Heute sind die Filzstifte eine ganz eigene Kategorie, ermöglichen ganz neue Techniken auch in der Kalligrafie. Das ist ein sehr großer Wandel.

MiaSkribo: Was ist der Unterschied zwischen der Kalligrafie und dem Handlettering?

Propfe: Bei der Kalligrafie wird sehr viel mehr Wert auf einem gleichmäßigen Abstand der Buchstaben gelegt. Bei dem Handlettering wird mehr gemalt. Insgesamt ist das Handlettering etwas einfacher zu erlernen. Aber wer es dann einmal erlernt hat, für den ist der Schritt zur Kalligrafie nur noch klein.

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MiaSkribo: Und manch einer denkt vielleicht: In einem Monat heiraten wir, also kalligrafieren wir doch noch schnell die Tischkarten?

Propfe: Das ist unmöglich, wenn man damit noch keinerlei Erfahrungen hat. Sicherlich, manche Menschen haben eine schöne Handschrift, da geht es vielleicht ein bisschen schneller – aber 60 Karten sind für Unerfahrene eine Überforderung. Ich schaffe vielleicht 30 Namenskarten in der Stunde, wenn ich mich sehr beeile. Einmal wollte ein Kunde, dass ich auf einem Event für 2.000 Gäste die Namen kalligrafiere. Das ist unmöglich: Dazu benötigt man eine Heerschar an Kalligrafen. Viele Menschen denken sich: Schreiben kann ich ja, dann kalligrafiere ich mal eben Aber das funktioniert nicht: Dazu benötigt man sehr viel Übung – auch, wenn einige Kalligrafie-Tricks auch Einsteigern schnelle Erfolgserlebnisse bescheren.

MiaSkribo: Ihre Schriften sehen aus wie Kunst, zum Beispiel die von Ihnen extra für ein Jugenstilhaus entwickelte Schrifttype

Propfe: In diesem Fall war die Herausforderung, dass sich typische Jugendstilzeichen nicht schreiben lassen; sie wurden früher gemalt. Ich habe versucht, diesen Stil in die Neuzeit zu transferieren. Wie bei fast allen künstlerischen Fähigkeiten benötigt man für die Kalligrafie einfach sehr viel Geduld und Ausdauer. Kalligrafie ist eine echte Kunst.

Der Kalligraf Joachim Propfe - hier auch der Fachmesse Insights-X 2018 in NürnbergÜber Joachim Propfe:
Joachim Propfe hat vor 25 Jahren an der Universität Hildesheim Kommunikationsdesign studiert, “da, wo es dort noch einen Lehrstuhl für Kalligrafie gab”, wie er sich erinnert. Nach dem Diplom machte er sich selbstständig, hat sich dabei sehr stark auf Wandgestaltungen und Großformate spezialisiert, bietet aber auch kleine Kalligrafien an. Seine Kunden sind Privatpersonen oder Unternehmen, auch Kurse können bei ihm besucht werden. Er hat sein Atelier in Braunschweig.

joergstroisch
Autor: Jörg Stroisch
Datum: 18.01.2021
Kategorie: Trends
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